Intensive Berufsorientierung – Gute Perspektiven nach der Schule

Im Jahr 2014 brachen 25 Prozent der Auszubildenden in Deutschland ihre Lehre ab. In manchen Fachrichtungen an den Universitäten führen bis zu 40 Prozent der Studierenden das Studium nicht zu Ende. Zur Begründung wird größtenteils angeführt, man habe die falschen Vorstellungen von Anforderungen und Inhalten der jeweiligen Ausbildung gehabt. Diese Befunde stammen aus dem „Leitfaden Berufsorientierung“, den die Bertelsmann Stiftung im Sommer dieses Jahres als Praxishandbuch für Schulen herausgegeben hat.

„Lehrberufe werden immer anspruchsvoller, die Zahl der Studiengänge explodiert. Berufs- und Studienorientierung ist wichtiger als je zuvor. Doch in den Schulen sind noch nicht alle Möglichkeiten ausgereizt“, unterstrich der Vorstand der Bertelsmann Stiftung für die Bereiche Bildung, Integration und Demokratie, Dr. Jörg Dräger, auf dem Bildungsforum „Vom Potenzial zur Perspektive – Orientierung bieten, Übergänge gestalten“, zu dem Bildungsministerin Vera Reiß und die Direktorin des Pädagogischen Landesinstituts Rheinland-Pfalz (PL), Dr. Birgit Pikowsky, nach Mainz eingeladen hatten.

Der Hauptreferent der Veranstaltung, zu der rund 200 Lehrkräfte, Elternvertreterinnen und Elternvertreter sowie weitere bildungspolitisch Interessierte ins Kurfürstliche Schloss gekommen waren, plädierte entschieden für ein systematisches Berufsorientierungskonzept mit einem differenzierten Informationsangebot unter Einbindung möglichst vieler Beteiligter. Außerdem sprach er sich für eine konsequente Nutzung der Unterstützung dieses Beratungsangebots durch neue digitale Medienkanäle aus. Auch stellte Dräger in seinem Vortrag heraus, dass sich junge Menschen nicht mehr auf einen Bildungsweg festlegen wollen: „Der klassische Bildungsverlauf – Abiturienten in den Hörsaal, alle anderen an die Werkbank – gehört der Vergangenheit an. Immer mehr junge Menschen wollen heute berufliche und akademische Bildung kombinieren.“

Bildungsministerin Vera Reiß unterstrich in der Podiumsdiskussion, die einem offenen Meinungsaustausch im Saal voranging: „Eine qualitativ hochwertige und erfolgreiche Berufswahlvorbereitung und Studienorientierung hat für mich und für die gesamte Landesregierung eine ganz zentrale Bedeutung. Und das gilt auch für die Wirtschaft und die Hochschulen im Land. Auf der Basis eines in den Schulen bereits verankerten Berufsorientierungskonzepts, das mit vielen Praxiserfahrungen verbunden ist, wollen wir jetzt ab Februar mit einem verbindlichen Tag der Berufs- und Studienorientierung in der Mittel- und in der Oberstufe aller 186 Realschulen plus, der 55 Integrierten Gesamtschulen und der 150 Gymnasien die Beratung von Schülerinnen und Schülern über ihren möglichen weiteren Ausbildungsweg noch mehr systematisieren und verstärken. Expertinnen und Experten der Bundesagentur für Arbeit, der Kammern, der Unternehmerverbände, aus den berufsbildenden Schulen und den Hochschulen stehen dafür in den Schulen bereit. Profitieren werden davon 52.000 Schülerinnen und Schüler.“ Eine intensive Vor- und Nachbereitung im Unterricht und die verstärkte Einbindung der Eltern solle die Wirkung dieses neuen verbindlichen Informationsangebots für die Berufs- und Studienorientierung vertiefen und verstetigen. In der Entwicklung befinde sich aktuell zudem eine Smartphone-App, die die Schülerinnen und Schüler bei der Erstellung eines persönlichen „Fahrplans“ für die Zeit nach der Schule unterstützen soll.

„Wir wollen und müssen die Fähigkeit junger Menschen stärken, eigene Potenziale zu erkennen und mit einem fundierten Informationsstand eigenständige Entscheidungen für ihren jeweiligen weiteren Ausbildungsweg zu treffen. Oder um es anders auszudrücken: Schülerinnen und Schüler sollen kompetent in eigener Sache fit für die Zukunft gemacht werden“, betonte die Bildungsministerin. Mit Dräger ist sich die Ministerin zudem einig: „Wir sollten Berufsausbildung und Studium nicht gegeneinander ausspielen, sondern stärker miteinander verzahnen.“ Mit dem seit Jahren ausgebauten Angebot an dualen Studiengängen, die berufliche und akademische Ausbildung verknüpfen, und mit den im Bundesvergleich am weitesten gehenden Regelungen für den Hochschulzugang von beruflich Qualifizierten werde Rheinland-Pfalz dem bereits in hohem Maße gerecht, hielt Bildungsministerin Reiß fest.

Das Bildungsforum war der vorläufige Abschluss der Reihe „Rheinland-Pfälzische Gespräche zur Pädagogik“. An der Podiumsdiskussion im Mainzer Schloss waren neben Dr. Jörg Dräger und Bildungsministerin Vera Reiß auch die Direktorin des Pädagogischen Landesinstituts, Dr. Birgit Pikowsky, und Daniel Brunner, der Leiter der Aus- und Weiterbildung des Mercedes-Benz-Werks in Wörth, beteiligt.

Die Gesprächsreihe „Rheinland-Pfälzische Gespräche zur Pädagogik“ umfasste bislang vier regionale Veranstaltungen in Mainz, Koblenz, Speyer und Trier mit hochkarätigen Referentinnen und Referenten aus Wissenschaft und Schulpraxis, die Impulse zur Weiterentwicklung des rheinland-pfälzischen Schulwesens geben und Gelegenheit zu einem aktiven Diskurs über aktuelle pädagogische Themen bieten sollten. Mehr Informationen zu der Gesprächsreihe finden sich im Internet unter: http://gespraeche-paedagogik.bildung-rp.de