Ahnen: Rheinland-Pfalz erhält ein Landeskunstgymnasium

Der hohe Stellenwert der kulturellen Bildung in Rheinland-Pfalz soll bald noch deutlicher sichtbar werden: Im rheinhessischen Alzey entsteht zum Schuljahr 2010/2011 ein Landeskunstgymnasium. „Ästhetische Erziehung und kulturelle Bildung spielen im Kanon der Bildungsinhalte in Rheinland-Pfalz eine besondere Rolle. Die Förderung von Kreativität, Fantasie und der Fähigkeit, sich selbst künstlerisch auszudrücken, sind uns wichtig. So wurden beispielsweise im Zuge des 2001 von der Landesregierung gestarteten Ganztagsschulprogramms durch Kooperationsvereinbarungen mit Kunst- und Kulturschaffenden die Angebote für Schülerinnen und Schüler im Bereich von Musik und Bildender Kunst deutlich ausgeweitet. Das Landesmusikgymnasium in Montabaur bietet seit Jahren für musikalisch besonders begabte Schülerinnen und Schüler ein qualitativ hochwertiges Zusatzangebot und die seit dem Jahr 2008 vorgesehene Landesunterstützung von Jugendkunstschulen leistet ebenfalls einen wichtigen Beitrag. Das neue Landeskunstgymnasium wird in diesem Angebot ein neues Glanzlicht setzen“, zeigte sich Bildungs- und Kulturministerin Doris Ahnen bei der Vorstellung der Pläne heute in Mainz überzeugt.

Neben dem Landesmusikgymnasium für talentierte Nachwuchsmusikerinnen und Nachwuchsmusiker biete das Land in eigener Trägerschaft schon seit längerem mit dem Heinrich-Heine-Gymnasium in Kaiserslautern auch für sportlich besonders engagierte junge Menschen eine Möglichkeit, hochwertige schulische Bildung mit einer ganz gezielten Förderung von sehr speziellen Fähigkeiten und Fertigkeiten bei Schülerinnen und Schülern zu verbinden. Das Koblenzer Gymnasium Auf der Karthause mache als zweite „Eliteschule des Sports“ im Land ebenfalls ein solches spezielles Angebot. Für besonders begabte Kinder und Jugendliche mit einem breiteren Begabungsspektrum existierten bekanntlich an vier Gymnasien in Kaiserslautern, Mainz, Koblenz und Trier die eng mit den jeweiligen Universitäten kooperierenden Schulen für Hochbegabtenförderung /Internationale Schulen. „Als politisch Verantwortliche für die Bildungs- und für die Kulturpolitik war und ist es mir schon seit längerer Zeit ein großes Anliegen, hier im Land auch im Bereich der Bildenden Kunst ein schulisches Angebot mit überregionaler Bedeutung und Anziehungskraft zu schaffen“, unterstrich Doris Ahnen. Am Aufbaugymnasium in Alzey, das in Landesträgerschaft steht, ergebe sich jetzt die Chance dieses Vorhaben zu realisieren. Die absehbaren Entwicklungen ermöglichten, dass dort neben dem jetzigen Auftrag auch neue Aufgaben übernommen werden könnten. Der in Alzey bereits vorhandene Schwerpunkt im Bereich Bildende Kunst, die sehr gute Ausstattung, die baulichen Voraussetzungen, die vorhandene Kompetenz der Lehrkräfte im künstlerischen Bereich und im Umgang mit den elektronischen Medien, die topographische Lage im Zentrum von Rheinland-Pfalz und die gute verkehrstechnische Anbindung ergäben ideale Standortbedingungen.

Der Standort
Das Aufbaugymnasium in Alzey umfasse die Klassenstufen 10 bis 13, erläuterte Schulleiter Wolf-Dieter Stotz und ergänzte: „Seit mehr als 10 Jahren profiliert sich das Aufbaugymnasium bereits im Fach Bildende Kunst. Es hat beispielsweise durchgängig einen Leistungskurs Kunst für seine pro Jahrgangstufe durchschnittlich 170 Oberstufenschülerinnen und -schüler  angeboten, an vielen Kunstwettbewerben erfolgreich teilgenommen, verfügt über attraktive Ausstellungsräume und über einen profunden Erfahrungsschatz bei der Präsentation der künstlerischen Arbeiten von Schülerinnen und Schülern.“ Das Aufbaugymnasium verfüge über zwei Wohnheime mit rund 90 Internatsplätzen und eine eigene, absolut zeitgemäß ausgestattete Großküche. „Die Medienausstattung ist technologisch hochwertig und modern, die Lehrkräfte sind in ihrer Benutzung weit über das übliche Maß hinaus geschult“, unterstrich Stotz.

Bislang biete die Schule schwerpunktmäßig leistungsstarken Abgängerinnen und Abgängern aus Hauptschulen und Realschulen des Landes Rheinland-Pfalz die Chance, nach dem 10. Schuljahr in die gymnasiale Oberstufe einzusteigen und die allgemeine Hochschulreife zu erwerben. Darüber hinaus würden Kinder von Spätaussiedlern aus den Nachfolgestaaten der früheren Sowjetunion besonders gefördert und zum Abitur geführt. Außerdem biete die Schule mit dem bestehenden Aufbauzug in der Klassenstufe10 eine spezielle Förderung für Schülerinnen und Schüler an, die die Berufsreife erworben haben.“ Da die Zahl von Schülerinnen und Schüler aus Spätaussiedlerfamilien aller Voraussicht nach weiter zurückgehe und sich insbesondere mit der Schulstrukturreform für Schülerinnen und Schüler im Real- und Hauptschulbildungsgang neue Aufstiegswege öffneten, böten sich sowohl von der Unterrichtskapazität her als auch in den Wohnheimen sehr gute Chancen zum Aufbau eines neuen Profils als Landeskunstgymnasium.

Einbettung in den Kulturbetrieb
„Gemeinsam mit der Schule haben wir daher eine Konzeption erarbeitet, die künstlerisch besonders interessierten Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, aber auch begabten Schülerinnen und Schülern aus anderen Schularten mit ausgeprägten künstlerischen Fähigkeiten ab dem Schuljahr 2010/2011 ein spezielles und breit gefächertes Angebot von der Klassenstufe 10 bis zum Abitur macht“, unterstrich Doris Ahnen. Eingebunden werden sollten in diese schulische Ausbildung eine ganze Reihe von Kooperationspartnern - wie beispielsweise die Akademie für Bildende Künste in Mainz sowie andere Hochschulen und Institutionen aus der Kunstszene in der Region.

„Kulturministerin Doris Ahnen darf sich bei ihrem Vorhaben der Unterstützung durch die Akademie für Bildende Künste Mainz gewiss sein“, betonte der Rektor der Akademie, Prof. Winfried Virnich, in einer schriftlichen Stellungnahme. Er begrüßte ausdrücklich, dass auf schulischer Ebene eine Institution entstehe, die sich auszeichne sowohl durch eine besondere Ausstattung und Räumlichkeiten als auch durch spezifische Methodiken, die sich an künstlerischer Praxis orientieren. „Insofern sehen sich die Kunsthochschule, deren Kompetenz nicht zuletzt auf der Qualitätssicherung des Lehramtsstudiums Bildende Kunst liegt, und das neue Landeskunstgymnasium als selbstverständliche Partner“, so der Rektor, der ergänzte: „Damit ergeben sich neue Chancen und Perspektiven für die Bildenden Künste - auch über die Landesgrenzen von Rheinland-Pfalz hinaus.“

Kooperationsmöglichkeiten seien sowohl auf konzeptioneller als auch auf praktischer Ebene geplant, so Professor Virnich: „Angedacht ist eine enge und nachhaltige Zusammenarbeit zwischen Schulleitung und Akademie. So kann die Akademie beispielsweise bei der Feststellung besonderer künstlerischer Begabung beratend tätig werden, Ausstellungsprojekte vor Ort lancieren oder praxisnahe Einblicke in ein eventuell angestrebtes Kunsthochschulstudium vermitteln. Das Spektrum der denkbaren Kooperationsmöglichkeiten ist breit gefächert.“

Das Konzept des Landeskunstgymnasiums
Grundsätzliches Ziel der Ausbildung ist der Erwerb der allgemeinen Hochschulreife, ergänzt durch ein in Theorie und Praxis breit aufgestelltes Haupt- bzw. Leistungsfach Bildende Kunst als Basis für eine individuelle Entwicklung der Schülerinnen und Schüler. Ein besonderer Akzent liegt hierbei auf einem bewusst fächerverbindenden Ansatz bei der Stoffvermittlung. Die Kunstwissenschaften werden dabei gezielt mit den Natur- und Geisteswissenschaften verknüpft. Eine weitere Besonderheit liegt in der Kooperation mit fachverwandten Einrichtungen in der Umgebung, dabei sollen Honorarkräfte von außen die eingesetzten Fachlehrerinnen und Fachlehrer unterstützen. „Kunst soll von den Schülerinnen und Schülern auch im Alltag erlebt werden, wozu unter anderem ein orientierendes Praktikum in künstlerischen Berufsfeldern bei kooperierenden Betrieben und Einrichtungen und die Schulung in Projektmanagement am Beispiel Ausstellungsorganisation beitragen soll“, betonten die Bildungsministerin und der Schulleiter.

Aufgenommen werden könnten an dem neuen Landeskunstgymnasium nach der Klassenstufe 9 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten sowie gymnasial geeignete Schülerinnen und Schüler aus anderen Schularten mit besonderen künstlerischen Interessen und Fähigkeiten. Bei Bewerberinnen und Bewerbern, die von ihrer ursprünglichen Schule keine Gymnasialempfehlung erhalten hätten, sei der Einstieg nach einer erfolgreich abgelegten Aufnahmeprüfung möglich. „Voraussetzung für eine Ausbildung an dem neuen Landeskunstgymnasium wird in jedem Fall eine Eignungsprüfung sein, die alle Bewerberinnen und Bewerber absolvieren müssen“, hielt Doris Ahnen fest.

Das Unterrichtsangebot sieht in der Klassenstufe 10 einen fünfstündigen Kunstunterricht pro Woche vor, der durch einen zweistündigen Projektunterricht ergänzt wird. In der Oberstufe besteht ein 5-stündiges Leistungsfachangebot, das durch ein zweistündiges „Beifach“ und einen zweistündigen Projektunterricht erweitert wird. Im eigentlichen Kunstunterricht sollen neben Grundlagen von Malerei und Zeichnung, Perspektive und plastischem Gestalten, verschiedene Maltechniken, vertiefte Kenntnisse der Kunstgeschichte, der Kunsttheorie und der Performance-Kunst aber auch Fotografie, Video- und Filmkunst und Design zu den Inhalten gehören. Der Unterricht in dem „Beifach“ umfasst beispielsweise Medientechnologie, computerunterstütztes Design, Bildbearbeitung am PC oder Ausstellungs- und Projektmanagement. Im Mittelpunkt der Projektphasen steht das eigenständige Gestalten.  (Eine grafische Übersicht über das inhaltliche Konzept des Landeskunstgymnasiums liefert die Anlage 1)

„Dass die bildende Kunst im Fächerkanon unserer Schulen im Land einen hohen Stellenwert hat, zeigen bereits die rund 60  Leistungskurse Kunst, die an den Gymnasien und Integrierten Gesamtschulen angeboten werden. Mit dem Landeskunstgymnasium in Alzey werden wir ein zusätzliches und deutlich sichtbares Zeichen für diese Bedeutung setzen, das nicht nur innerhalb des Landes wahrgenommen wird“, zeigte sich Bildungsministerin Ahnen sicher. Bundesweit gebe es derzeit mit dem Burg Gymnasium Wettin in Sachsen-Anhalt nur eine einzige schulische Einrichtung, die vom Konzept her dem rheinland-pfälzischen Landeskunstgymnasium entspreche.

Anlagen:
Das inhaltliche Konzept für das Landeskunstgymnasium im Überblick
Eckdaten des neuen Landeskunstgymnasiums in Alzey